„Wenn die Regierung das Geld verschlechtert, um alle Gläubiger zu betrügen,
so gibt man diesem Verfahren den höflichen Namen Inflation.“ G. B. Shaw (1856 - 1950)
Geldbeutel-Inflation versus abstrakte Inflation
- Finanzen
- 31.12.2014
Geldbeutel-Inflation versus abstrakte Inflation
Nachdem unlängst die Inflationsrate in Deutschland überraschend auf 1,2 % gefallen ist, behält sich die Europäische Zentralbank eine weitere Zinssenkung offen. Das hatte sie auch schon im Januar nach der ebenfalls „überraschend niedrigen“ Inflationsrate getan.
Für den normalen Verbraucher ist diese niedrige Rate in der Tat überraschend. Beim Lesen der Nachrichten ergibt sich eine gewisse Ambivalenz zwischen dem, was man fühlt und erwartet und dem, was man sieht. Und in der Tat: nach einer Umfrage des GfK-Vereins halten 92,3 % der Deutschen für wahrscheinlich, dass die Lebenshaltungskosten in Deutschland steigen werden.
Mögliche Ursachen für die Ambivalenz:
Die Inflationsrate entwickelt sich alles andere als einheitlich. Einerseits sinken die Energiepreise, andererseits sind die Lebensmittel erneut deutlich teurer geworden. Meines Erachtens liegt hier ein gewichtiger Grund: während man Energiepreissteigerungen eher abstrakt, z.B. einmal im Jahr als etwas höhere Abbuchung von seinem Konto wahrnimmt, sind höhere Lebensmittelpreise nicht so „abstrakt“. Man kauft jede Woche ein, sieht die Preise und zahlt dann direkt. Man sieht deutlich offenkundiger, dass für den selben Einkauf weniger im Portemonnaie über bleibt.
Hinzu kommt, dass der Trend zu insbesondere steigenden Lebensmittelpreisen absolut betrachtet wie auch im Vergleich zum Verbraucherpreisindex nicht neu ist und sogar einer gewissen Dynamik unterliegt:

In der Spitze lag der „Aufschlag“ von Lebensmittelsteigerungen gegenüber der allgemeinen Inflationsrate sogar im Juli letzten Jahres bei 3,2 % (1,9 % vs. 5,2 %). Interessanterweise zeigt sich das Phänomen zwischen „Geldbeutel-Inflation“ und „abstrakter Inflation“ auch in anderen Bereichen. So ist z.B. der Warenkorb für „Möbel, Leuchten, Geräte u.a. Haushaltszubehör“, der auch in den Gesamtwarenkorb einfließt, ebenfalls nur gering gestiegen.
Wann haben Sie das letzte Mal eine Couch gekauft? Und vor allem: wann zuletzt davor? Erinnern Sie sich an die beiden Preise? Können Sie anhand der Differenz der vermutlich jahrelang auseinander liegenden Transaktionen irgendein Gespür für die Inflationsentwicklung bekommen?
Wenn ich, ohne Sie verehrte Leser „einordnen zu wollen“, diesen Warenkorb mit dem vergleiche, den zumindest einige Leser realer spüren, dann bestätigt sich die These:

Es zeigt sich: Inflation ist nicht gleich Inflation. „Geldbeutel-Inflation“ und „abstrakte Inflation“ entwickeln sich sehr unterschiedlich – und damit einhergehend natürlich Ihre Wahrnehmung dazu.
Welche weiteren Phänomene es zwischen wahrgenommener und realer Inflation gibt, erfahren Sie im nächsten Teil. Rückmeldungen, Fragen oder Anregungen? Sehr gerne.
veröffentlicht von Michael Feiten

