„Zunächst ein laues Bad, dann wird das Wasser immer heißer,
und am Schluss explodiert die Wanne.“ André Kostolany (1906-99)
Wie wir denken - was wir tun: ein Rückblick auf den Monat August 2017
- Finanzen
- 01.09.2017
Wie wir denken, was wir tun: ein Rückblick auf den Monat August 2017
Verehrte Investoren,
"Gibt es eine Partei der Leute, die nicht sicher sind, recht zu haben? Bei der bin ich Mitglied." Albert Camus
Als Helmut Kohl am 01. Juli 1990 in einer Fernsehansprache bezogen auf die damals fünf "neuen" Bundesländer von kommenden "blühenden Landschaften" sprach, war die Bevölkerung im Antlitz der Wende von dieser Vorstellung begeistert. "Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor, dafür vielen besser", versprach Kohl seinerzeit. Wenige Jahre später war diese Euphorie vollständig verflogen.
Seit den achtziger Jahren wurde in Deutschland ohnehin die Kritik am "Parteienstaat" immer lauter, da die Leitung von öffentlichen Institutionen wie Schulen, Behörden und Rundfunkanstalten immer stärker nach "Parteibuch" vergeben wurde. Entsprechend konsequent fiel die Wahl zum Wort des Jahres im Jahr 1992, vor 25 Jahren, auf "Politikverdrossenheit".
Kritik an "Eliten" und "Politikern" ist allerdings nichts Neues. Schon Platon sah vor über 2.400 Jahren die Politik als das Tummelfeld von Schaumschlägern, als den Ort, an dem man die Tatsache, dass man nichts weiß, am teuersten verkaufen kann.
Vielleicht ist das eine interessante Parallele zum aktuellen Kapitalmarktumfeld: die US-Kerninflationsrate verharrt auf niedrigem Niveau (0,6%), während gleichzeitig der Arbeitsmarkt floriert, sodass die Arbeitslosenquote im August auf 4,3% gesunken ist. Doch diese Statistik ist ein gravierender Fall von "Schaumschlägerei": über die Hälfte der in diesem Jahr geschaffenen Arbeitsplätze wurden "aufgrund einer schwer nachvollziehbaren Schätzung der `Geburten/Sterbe´-Tabelle kalkuliert", wie die "Finanzwoche" darlegt. Die Kritik an der Statistik ist hoch, da nicht diejenigen erfasst werden, die tatsächlich arbeitslos sind, sondern alleinig - auf Basis von Schätzungen via Umfragen (!) - die als "aktiv suchend" geltenden Personen. Folglich finden also Fälle keinen Eingang in die Statistik, die in den letzten vier Wochen nur einen Ausbildungskurs besucht oder die Stellenanzeigen studiert haben. Die vom Bureau of Labor Statistics selbst veröffentlichte echte Arbeitslosenquote ("U6") liegt bei stattlichen 8,6%, also der im Vergleich doppelten Rate.
Wendet man den Blick weg von makroökonomischen Daten hin zur gegenwärtigen Finanzmarktentwicklung, so fällt auch im Berichtsmonat August die frappierende Ruhe an den Märkten auf. Die Amplitude des DAX lag zwischen 11.900 und 12.300 Punkten. Noch geringer fällt sie bei US-Aktien aus, die den Monat per saldo ebenfalls flat abschließen. Einzig japanische und europäische Aktien verbuchen ein kleines Minus von weniger als 3% bzw. 2%. Eine kleine temporäre Korrektur wurde von uns genutzt, um mit unserer bewährten Absicherung über Volatilitätskontrakte Gewinne einzufahren - nur, um diese nach der Beruhigung erneut günstig als Absicherungsmöglichkeit wieder einzukaufen.
Gleichzeitig haben wir das Spektrum unserer Absicherungsmechanismen ausgedehnt: beim Aktiensicherheitsnetz berücksichtigten wir neben DAX, EuroStoxx, S&P500 und Nikkei erstmalig auch den Nasdaq100. Wenngleich unser Limit in diesem Fall noch nicht gegriffen hat, was ja per se erfreulich ist, da dieser Aktienmarkt entsprechend nicht korrigierte. Gleichwohl denken wir, dass es im Moment keine ungerechtfertigte Überlegung ist, sich im Aktiensegment eher mehr als weniger abzusichern: ein Aktien- und Konjunkturzyklus, der wahrlich nicht mehr jung ist, hohe Bewertungen, niedrige Volatilitäten sowie eine Reihe weiterer Warnsignale wie US High-Yield-Anleihen, deren effektive Verzinsung unter das Vorkrisenniveau von 2007 gefallen ist, bei einem Renditeaufschlag gegenüber US-Staatsanleihen von nur noch knapp über 3%.
Apropos US-Staatsanleihen: Ist es wirklich ökonomisch sinnvoll, dass die Rendite von europäischen Unternehmensanleihen geringer sein sollte als die von US-Staatsanleihen? Oder ist hier das Wort "Wahnsinn" durchaus nicht unangebracht? Auf der anderen Seite sind die niedrigen US-Renditen am längeren Ende, d.h. die Verflachung der Zinskurve, natürlich auch Ausdruck eines sich stärker zeigenden rezessiven Momentums. Vielleicht sogar eine Erklärung für die Schwäche des USD, der unter dem Strich knapp 2% eingebüßt hat, dabei sogar die "psychologisch wichtige Marke" von 1,20 kurzzeitig durchbrach - weshalb und wovor wir ihn temporär absicherten. Ferner haben wir im vergangenen Monat innerhalb des Währungsbereichs unser Investment in Mexikanischen Peso wie avisiert ausgebaut.
Eine andere Anlageklasse beschäftigt uns derzeit stärker als sonst: nach den schweren Überschwemmungen in Texas durch den Hurrikan "Harvey" können wir, trotz schon umfangreicher vorliegenden Informationen der von uns selektierten Produktanbieter für dieses Segment, zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts nicht zu 100% ausschließen, dass zwei unserer Zielfonds in sehr kleinem Maße davon betroffen sein könnten. Insofern ist die Aussage "Hurrikan Harvey lässt Cat Bonds ungeschoren" zwar sehr wahrscheinlich, es herrscht jedoch eben noch keine absolute Gewissheit. Sicher ist jedoch bereits, dass der jüngst wütende Wirbelsturm in keiner Weise mit Hurrikan "Andrew" vom August 1992 vergleichbar ist, der in den USA die schwersten Schäden des 20. Jahrhunderts verursachte. Das Ausmaß der Zerstörung war damals so exorbitant hoch, dass reihenweise Versicherungsunternehmen Konkurs anmelden mussten. Daraufhin entstand die Idee, derlei Risiken künftig auch an die Kapitalmärkte auszulagern: versicherungsgebundene Anleihen, Cat-Bonds, waren geboren.
1992 war leider auch ein politisch trauriges Jahr - auch in Deutschland, in dem die fremdenfeindlichen Exzesse in Rostock-Lichtenhagen, die sich über mehrere Tage unter dem Beifall von tausenden Bürgern hinzogen, am 24. August ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten. Später, nur wenige Wochen nach den Ereignissen in Rostock sowie nur wenige Tage nach dem Tod des Altkanzlers und Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt, erregte der ausländerfeindliche Brandanschlag von Mölln international derartiges Entsetzen, dass "Der Spiegel" konstatierte: "In aller Welt artikuliert sich die Sorge, ob die Demokratie eines großen Deutschland erneut aus den Fugen gerät."
Bei der Wahl zum Wort des Jahres landete 1992 auf Platz 2 übrigens "Fremdenhass". Wir wissen nicht, welche Partei Sie wählen oder warum. Vielleicht ist jedoch, in Anlehnung an Albert Camus, der Rat angebracht, bei allen Parteien genau hinzuschauen - vor allem aber bei jenen, die vermeintlich besonders klare Antworten zu haben scheinen. Gleichwohl ist jedem Wähler die Frage an einen Politiker erlaubt, wofür dieser genau steht und welche Visionen er hat. Der englische Philosoph Alfred North Whitehead sagte einst über Platon: "Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, dass sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht." Es ist vielleicht nicht zu kühn zu fragen, ob eine solch herausragende Charakterisierung für die aktuellen Politiker in Deutschland auch nur ansatzweise denkbar ist.
Luxemburg, den 31.08.2017
Michael Feiten, Florian Konz & Ludwig Schnieders
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