„Geld gleicht dem Dünger, der fast wertlos ist,
wenn man ihn nicht ausbreitet.“ Sir Francis Bacon (1561-1626)
Wie wir denken - was wir tun: ein Rückblick auf den Monat Dezember 2017
- Finanzen
- 08.01.2018
Wie wir denken - was wir tun: ein Rückblick auf den Monat Dezember 2017
Verehrte Investoren,
"Hoffnung hat als einen Boden, der sie besonders gut gedeihen lässt: Unzufriedenheit!“
Ernst Bloch
vielleicht haben Sie sich für das neue Jahr einige Vorsätze vorgenommen. Vielleicht auch nicht. So oder so: eine zentrale Triebfeder für Ihre Handlungen ist sicher (gefühlte) Unzufriedenheit. „Und aktiv werdende Unzufriedenheit kann rebellisch sein, mit einer Hoffnung auf etwas und gegen etwas, in dem man sich jetzt durch eigene Schuld, eigene Unmündigkeit, oder durch Unterdrückung befindet", wie Ernst Bloch schreibt. Für ihn ist die Unzufriedenheit sogar die wertvollste Eigenschaft des Menschen, denn aus ihr resultiert des Menschen Streben nach Verbesserung. Sie ist sein Antrieb etwas zu verwirklichen, was noch nicht ist. In ihr liegt ein Entwurf zur Gestaltung der Zukunft.
Etwas zu begreifen, es verändern zu wollen und auch zu können, ist indes selten einfach. Die gesamte Wissenschaftsgeschichte ist voller prominenter Beispiele, in denen sich Veränderungen und Erkenntnisse nicht oder erst spät durchsetzten. Das Ptolemäische, das heißt das geozentrische Weltbild zum Beispiel, das die Erde als Zentrum des Universums sieht, entstand in den jeweils zweihundert Jahren vor und nach Christi Geburt. Relativ schnell wuchsen bei diversen eigenständigen Wissenschaftlern die ersten Zweifel an besagtem Weltbild, doch der mittelalterlich-dogmatische Schlummer in insbesondere wissenschaftlichen Fragen (in Kombination mit einem Buch- und Wissensmonopol der Kirchen) verhinderte, dass die Skepsis sich ausbreitete.
Der Zustand der Ptolemäischen Astronomie war schon lange „vor der Veröffentlichung des Werks von Kopernikus im Jahr 1543 skandalös“ (wie der berühmte Wissenschaftshistoriker Thomas S. Kuhn in seinem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ schrieb).Trotzdem dauerte es eben doch bis genau zu jener Publikation, um die stetig erstarkende Krise des alten geozentrischen Weltbildes endgültig in das neue Paradigma (also das begrifflich-methodische System, das den Rahmen der Forschung, Wahrnehmung, wissenschaftlichen Arbeit etc. setzt) des heliozentrischen Weltbildes zu überführen. Dass es dazu einer gravierenden Störung im Bewusstsein der Wissenschaftsgemeinschaft bedarf, ist eine zentrale These von Kuhn, der auch den Begriff „Paradigmenwechsel“ prägte.
Es braucht mehr als eine gut begründete These
Vielleicht kann man die Bedeutung des sich veränderten Bewusstseins einer (wissenschaftlichen) Gemeinschaft an einer einfachen, erstaunlichen Tatsache festmachen: bereits 1.800 (eintausendachthundert!) Jahre vor Kopernikus, hatte Aristarchos die (gut begründete) These aufgeworfen, dass das heliozentrische Weltbild die plausibelste These sei. Wie Kuhn schreibt: „Die gesamte Entwicklung der Ptolemäischen Astronomie mit ihren Triumphen und ihrem Zusammenbruch fällt in die Jahrhunderte nach Aristarchos These.“ Es brauchte einen sehr langen Atem der Bewusstwerdung, ehe das alte, falsche Paradigma abgelöst und durch ein neues, plausibleres ersetzt werden konnte. Einfach gesagt: zu Aristarchos Zeit gab es keinerlei Bewusstsein dafür, dass die Erde nicht der Mittelpunkt sein könnte und ergo auch keinen Grund, sich mit Aristarchos These auseinanderzusetzen.
Es stellt sich die Frage, wie die Wissenschaftler damals dazu gebracht wurden, die rational viel plausiblere kopernikanische Theorie anzunehmen. Die Antwort lautet, dass dies gar nicht geschah: „Zum Kopernikanismus bekehrten sich fast ein Jahrhundert lang nach dem Tode von Kopernikus nur wenige", wie Kuhn darlegt. Ähnlich erging es der Newtonschen Arbeit und vielen großen anderen „Paradigmen-Zerstörern". Die These lautet also, dass in der wissenschaftlichen Entwicklung nicht rational-analytische Faktoren entscheiden (also nicht die besseren Argumente, denn die Theorien von Kopernikus oder Newton waren ja seinerzeit vollkommen unwiderlegbar), sondern sozialpsychologische Determinanten wie Konformitätsdruck, gleiche Ausbildungswege und -methoden, gruppendynamische Prozesse usw. - für Börsianer wohlbekannte Phänomene, derer man doch immer Teil ist, auch wenn wir uns so weit wie möglich zu entziehen versuchen.
Trump, ein Paradigmen-Zerstörer?
Die Wahl Donald Trumps wurde vor gut einem Jahr vielfach ebenfalls als „Paradigmenwechsel“ bezeichnet und die Befürchtungen an den Finanzmärkten waren (und sind) groß. Gleichwohl geht eines der – angesichts dieser Annahmen sowie der Befürchtungen um die Wahlen in Europa: für viele überraschend - besten Aktienjahre gerade zu Ende. Erstmals seit über dreißig Jahren konnten (US-)Aktien in jedem (!) einzelnen Monat des zurückliegenden Jahres eine positive Rendite erwirtschaften. Angeführt von Technologie-Werten, die weltweit sehr positiv tendierten. In Deutschland hat z.B. der TecDax fast 40% an Wert gewonnen. Selbst im wenig tech-affinen Schweizer Leitindex für Aktien hat es sogar nur eine einzige Aktie „geschafft“, überhaupt negativ abzuschließen – und das auch nur mit 0,2 Prozent.
Gleichzeitig gab es zwei weitere markante Entwicklungen im Anlagebereich. Die beeindruckende Stärke des Euro gegen alle großen und weniger großen Währungen war von kaum jemand antizipiert worden. Dass der US-Dollar – trotz drei Zinserhöhungen, wohlgemerkt - knapp 14 Prozent gegen den Euro verlieren würde, ahnte kaum jemand. Selbst in der Tendenz lagen fast alle großen Banken falsch.
Die andere Entwicklung ist die, dass es an den Zinsmärkten – ebenfalls anders als von Analysten gedacht - gerade keine wesentliche gab. Exemplarisch dafür seien die Renditen deutscher und amerikanischer zehnjähriger Anleihen genannt: erstere schwankten zwischen 0,15 Prozent und 0,60 Prozent, letztere zwischen 2,01 Prozent und 2,62 Prozent. Die Schwankungsbreite war nicht nur in absoluten Zahlen (Amplitude ca. ein halbes Prozent), sondern auch in relativer Betrachtung recht gering.
Ihre Ihnen (vielleicht) nicht bekannten Investment-Annahmen
Diese Entwicklungen bieten es an, bezogen auf die Finanzmärkte, über mögliche „Paradigmen“ nachzudenken, oder vielleicht deutlich einfacher: Grundprämissen zu suchen, die wir Finanzakteure nicht hinterfragen oder der wir uns im Zweifelsfall gar nicht bewusst sind. Potenzielle Beispiele, ohne „Gewähr“ auf Korrektheit, könnten sein:
- „Aktien steigen langfristig“
- „Zentralbanken bestimmen die Entwicklung der Zinsen“
- „Finanzielle Risiken kann man modellieren und messen“
Es ist fast nie so, dass man als „Gefangener innerhalb eines Paradigmas“ derlei Fragen stellt, sondern erst, wenn die Zweifel am vorherrschenden Paradigma schon so groß sind, dass seine grundlegende Falschheit einfach nicht mehr zu leugnen ist. Dafür bieten erfreuliche Börsenjahre und langfristige Haussen wie die aktuelle „keinen Anlass“.
„Paradigmenwechsel“ sind ohnehin seltener, als der inflationäre Gebrauch des Wortes suggeriert. Und von der Politik gingen sie – zumindest in der Vergangenheit – selten aus, auch nicht von US-amerikanischen Präsidenten. Einem, sicher herausragenden, ist dies jedoch gelungen: Benjamin Franklin. Gemeint ist jedoch weder sein erbitterter Kampf gegen die Sklaverei, noch seine zahlreichen Erfindungen wie dem Blitzableiter, sondern seine Theorie der Elektrizität: bis dahin glaubte man, dass Elektrizität aus zwei Kräften bestünde, doch er legte dar, dass sie aus einem gemeinsamen Element bestand – und flüssig sei wie Wasser.
Auch als Geschäftsmann war Benjamin Franklin sehr erfolgreich. Seine lesenswerte Autobiographie trägt den Titel: „Der Weg zum Reichtum“. Von einem ehemaligen erfolgreichen Geschäftsmann könnte man also meinen, sein oberstes Ziel sei die Anhäufung von monetärem Reichtum gewesen. Doch wenn man das Buch liest, erschließt sich, warum es ihm gerade nicht darum ging. Er bringt es auch selbst auf den Punkt: „Eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen.“ Vielleicht ist es eine gute Synthese aus Franklins Satz, Kuhns Gedanken und der heutigen omnipräsenten virtuellen Verfügbarkeit allerlei „Wissens“, nicht mehr die Anhäufung von Wissen als erstrebenswert anzusehen, sondern die Vergrößerung des eigenen Problemlösungsvermögens und das Denken in Alternativen.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen ein gutes und „erfolgreiches“ sowie gesundes neues Jahr.
Luxemburg, den 03.01.2018
Michael Feiten, Florian Konz & Ludwig Schnieders
Hinweis in eigener Sache:
Willkommen bei Nordlux Vermögensmanagement. Unsere Kundenberater arbeiten derzeit im Home Office, doch bleiben wir voll einsatzfähig und erreichbar. Ihr Anruf wird automatisch an Ihren Berater weitergeleitet. Wir bitten Sie, eventuelle Verzögerungen auf Grund der derzeit starken Beanspruchung der Telefonleitungen zwischen Deutschland und Luxemburg, zu entschuldigen.


Die Analysten sind nicht alle so kurszielgeil, doch sie werden dazu genötigt, vermutl. auch von Ihnen. Sie wollen sich oder müssen sich doch auch absichern als Vermögensverwalter, oder?
Wenn ich mir den Dow oder den DAX seit Einführung anschaue, wie kann ich angesichts dieser Evidenz an langfristig steigenden Kursen zweifeln? Verstehe, was Sie sagen wollen, aber die Zahlen sind nunmal die Zahlen.
Noch eine Frage: Wie kann ich dem offensichtlich auch unbewussten Konformitätsdruck, den Sie auch unserer Branche testieren entfliehen? Und warum sollte ich eigentlich?
Gute Erfolge weiterhin und danke für Ihre Berichte,
Börsianer
P.S.: Ihr Twitterhinweis, natürlich steigen die amerik. Technologiewerte noch weiter.
herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung, die lobende und kritische Elemente enthält :-)
Zu dem spannenden Feld, wie Wissenschaft funktioniert, wie nicht – und welche verdeckten Annahmen wir fortwährend haben („Wissenschaftstheorie“), würde ich Ihnen noch zwei Klassiker an die Hand legen:
- Karl Popper – Logik der Forschung (u.a. mit der Begründung, warum es – auch logisch – falsch ist, von einer begrenzten Anzahl an Fällen, auf eine Gesetzmäßigkeit zu schließen; für Investoren eine wichtige Einsicht, wie auch sein Antritt, bestehende Thesen mit „allen Mitteln“ zu widerlegen zu versuchen (Falsifikation) – gerade, wenn man sich mit Behavorial Finance beschäftigt (z.B. der Tendenz, dass unser Gehirn nach Informationen sucht, die es bestätigen anstatt solchen, die ihm widersprechen) ein sehr guter, praktischer Hinweis)
- Paul Feyerabend – Wider den Methodenzwang (u.a. mit der Begründung, warum es wichtig und sinnvoll ist, sich, wenn man Erkenntnisse gewinnen will, niemals auf eine einzige Methode dabei festzulegen, z.B. die Methode „rational-analytisch“, sondern eine Methoden-Vielfalt zu zelebrieren)
Wenn ich Ihre Aussage richtig verstehe, so denken Sie, dass wir aus formaljuristischen Gründen Research und Kursziele aus diesem berücksichtigen müssen, ja? Dem ist nicht so: wenn wir Fondsmanager Research lesen, dann immer ohne die Kursziele und dann eben als Sparring für unsere Investmentprämissen. Ferner agieren wir ja für den NORD/LB Horizont Fonds prinzipiell prognosefrei.
Ihr Hinweis auf steigende Aktien ist auf den ersten Blick sehr verständlich. Gleichwohl möchte ich ihn kurz anhand zweier Aspekte etwas näher beleuchten. Lassen wir außer Acht, ob man eine inflationsbereinigte Sicht einnehmen sollte, oder nicht, so bleibt dennoch:
Erstens, was heißt „langfristig“? Hierüber gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen. Für viele Menschen sind z.B. 5 Jahre langfristig, für viele Investoren sogar noch kleinere Zeiträume. Nehmen wir zehn Jahre als langfristig: es gab in der Vergangenheit mehrfach Phasen in denen die großen Aktienindizes per saldo über lange Zeiträume nicht gestiegen sind. Nehmen wir den erwähnten Dow Jones Index: von 1899 – 1920 (21 lange Jahre) ist er per saldo nicht gestiegen, von 1925 – 1940 (15 Jahre) und 1965 – 1983 (18 Jahre) ebenso nicht. Auch, wer 1999 begann zu investieren, musste über 10 Jahre warten, um überhaupt positives Terrain zu erreichen. Natürlich lag in letztgenanntem Zeitraum das Lehman-Event – doch zeigt nicht gerade dieses Beispiel, dass „langfristiges Investieren“ bei Aktien gleichwohl ein signifikantes Timing-Risiko impliziert? (Vom Nikkei, dem zweitgrößten Aktienmarkt der Welt, also nicht irgendeinem beliebig gewählten Index, ganz zu schweigen, der auch 28 (!) Jahre nach seinem Allzeithoch auch heute noch auf dem (ungefähr) halben Kurs-Niveau von damals notiert?)
Zweitens, was heißt „Aktien“? Wenn man es genau nimmt, sind die Indizes (z.B. der erwähnte Dow oder der DAX) Ergebnisse eines sehr ausgeprägten Survivorship Bias, d.h. der Index ist zwar gestiegen, die meisten Gründungsunternehmen existieren aber gar nicht mehr. Von den ursprünglichen Unternehmen des Dow Jones Industrial Index gibt es heute als einziges (!) noch General Electric - Unternehmen wie die U.S. Leather Company, die American Tobacco Company etc. existieren schon lange nicht mehr. Ähnliches ist für den DAX zu sagen, der einst aus Namen wie Feldmühle Nobel, Nixdorf oder Deutsche Babcock bestand.
Ihren Frage, wie man sich dem „Konformitätsdruck“ entziehen kann – und ob man es sollte, halte ich für zentral. Letzteres ist meines Erachtens gesetzt: ich denke, es ist unethisch, als Portfoliomanager nicht stetig an sich zu arbeiten und sein Wissen zu erweitern, denn immerhin haben uns die Kunden etwas sehr Kostbares gegeben: ihr Vertrauen. Das führt schnell zur Frage, wie man dieses Wissen erweitern kann, auch, um besser zu werden, als andere, die ja etwas grob gesagt dieselbe akademische Ausbildung genossen haben: Wenn man also die gängigen Studienabschlüsse (z.B. BWL) und Fortbildungen (z.B. CFA) gemacht hat, kommt man (vielleicht) irgendwann dahin zu überlegen, wie man die Märkte noch besser verstehen oder anders „greifen“ kann. In meinem Fall hat mich das zunächst in das Reich der Psychologie und nun in das der Philosophie geführt. Über dieses Studium lerne ich täglich, was es heißt, in Alternativen zu denken. Kann man dieses, kann (und sollte) man auch Normen und Konventionen („Konformitätsdruck“) zumindest kritischer (im neutralen Sinne des Wortes) hinterfragen und einordnen können, denke ich.
Sind Sie vielleicht beim Fondskongress in Mannheim? Wenn ja: kommen Sie gerne an unserem Stand Nr. 189 (Ebene 3) vorbei – ich würde mich freuen.
Mit den besten Grüßen,
Michael Feiten
P.S. zur Ihrem P.S.: Haben Sie vielleicht Lust, eine Wette mit mir einzugehen?
Danke für Ihre Lektüre-Tipps und Empfehlungen. Zu Popper habe ich einiges bei George Soros gelesen, aber nichts zu 'Erkenntnisse gewinnen', sondern zu den drei Welten.
Ihre beiden Punkte, "langfristige Aktienanlage" etwas kritischer als in den Finanzmedien zu lesen zu betrachten, verstehe ich. Spannend.
Was Konformität angeht: Was sie schreiben wundert mich. Zwar verstehe ich ihre Argumente und teile sie sogar in gewissem Maße, aber mich zwingt ja niemand, "konform" zu sein, oder?
Ich bin CIIA und Dipl.Kfm, fand und finde diese Ausbildungen auch gut. Aber klar, eine andere Perspektive nehme ich damit nicht ein, wie Sie ja fordern. Dafür lese ich ja hier, mr market etc. :-)
Unsere Portfolien sind trotzdem gut gelaufen, denken wir. Beim Fondskongress bin und versuche es einzurichten.
Gruß,
Börsianer
P.S.: Ich wette nicht, ich investiere :-) :-)