„Geld gleicht dem Dünger, der fast wertlos ist, 
wenn man ihn nicht ausbreitet.“ Sir Francis Bacon (1561-1626)

„Wer sein Vermögen schützen will, glaubt gar nichts, sondern rechnet mit allem.“
Mayer Amschel Rothschild (1744-1812)

„Zunächst ein laues Bad, dann wird das Wasser immer heißer,
und am Schluss explodiert die Wanne.“ André Kostolany (1906-99)

„Wenn die Regierung das Geld verschlechtert, um alle Gläubiger zu betrügen,
so gibt man diesem Verfahren den höflichen Namen Inflation.“ G. B. Shaw (1856 - 1950)

Wie wir denken - was wir tun: ein Rückblick auf den Monat Mai 2019

"Das Argument gleicht dem Schuss einer Armbrust - es ist gleichermaßen wirksam, ob ein Riese oder ein Zwerg geschossen hat."

 Verehrte Investoren,

 „Das Argument gleicht dem Schuss einer Armbrust - es ist gleichermaßen wirksam, ob ein Riese oder ein Zwerg geschossen hat."                                                         

Francis Bacon 

Wissen Sie noch, was Sie am 23. Mai dieses Jahres getan haben? Ja? Nein…nicht am 26. Mai, dem Tag der Europa-Wahl. Nein, am 23. Mai, einem für Europa wichtigen Tag.

Bei der Europawahl am 26. Mai jedenfalls ist die Wahlbeteiligung für das Europaparlament erstmals seit 1979 (!) wieder gestiegen, auf über 50%, nachdem sie zuletzt auf 42,6% gefallen war (von 62,0% im Jahr 1979).  Bei allem, was darüber geschrieben wurde, scheint – auch für die Finanzmärkte - erst einmal das wichtigste Ergebnis zu sein: die pro-europäischen Kräfte bilden noch immer eine Mehrheit. Wie „Europa“ weiterentwickelt und gedacht werden soll, ist seit jeher eine viel diskutierte Frage. Es scheint, als hätten die Wähler folgende Zeilen gelesen: „Seit die europäischen Gesellschaften sich formten, seit es Europa gibt, ist es in Nationen zerfallen“, so schreibt Golo Mann („nebenbei“: dieses Interview ist ein Musterbeispiel, wie Journalismus sein könnte) der berühmte Historiker und Sohn Thomas Manns. „Dies gehört beides zusammen: die Einheit der europäischen Kultur und die Vielheit der Nationen. Man mag die Identität Europas bestreiten wegen seiner jederzeit wirksamen inneren Unterschiede und seiner mannigfachen Verbindungen mit nichteuropäischen Kulturen, etwa der Islamischen. Das nützt aber nichts; denn die Einheit und Wirklichkeit der Nationen, auf welche solche Europa-Skeptiker hinauswollen, kann man mit ähnlichen Argumenten bestreiten.“ 

Die spannende Frage ist, ob es wirklich um Argumente im eigentlichen Sinne geht. Ein Argument setzt sich zusammen aus mehreren begründeten Aussagen (Prämissen), aus denen dann im deduktiven oder induktiven Schluss auf die Konklusion geschlossen wird. Oft wird all das miteinander vermischt und schon gar nicht analysiert, z.B. darauf, ob die Prämisse auch wirklich relevant für Conclusio ist. Besagte Analyse mag aufwendig sein, ist jedoch durch „Training“ lernbar. Wie die beiden berühmten Kognitionspsychologen Kahnemann/Tversy empirisch belegen, genügen unsere tatsächlichen Denkprozesse jedoch selten diesem Ideal. Das war schon immer so:

  • Als Jeanne d´Arc den Burgundern im Hundertjährigen Krieg am 23. Mai im Jahre 1430 in die Hände fiel, wurde nicht sauber analysiert, was sie „getan“ hatte. Sie sollte sterben, ob nun, weil sie eine Ketzerin war (inzwischen wurde sie selig- und heiliggesprochen), man sie des Feenzaubers und des Gebrauchs der Alraunenwurzel bezichtigte (ohne weitere Kommentierung ) oder man ihr vorwarf, gemordet zu haben, weil (!) sie ja keine Soldatin sei und ergo die Männer, die sie in den Schlachten – Seite an Seite mit „echten“ Soldaten“- getötet hatte, Mordopfer waren: das Argument war nur der Wille, sie zum Schweigen zu bringen. Ihr Tod hatte jedenfalls weitreichende Konsequenzen und leitete nicht weniger ein, als das Ende des Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England.
  • Apropos England: Als der Erzbischof von Canterbury am 23. Mai 1533 die Ehe von Heinrich VIII und Katarina von Aragon für ungültig erklärte, bedeutete das letztlich die Geburtsstunde der Anglikanischen Kirche, mit weitreichenden Konsequenzen für die weitere Geschichte Englands und Europas.
  • Der Zweite Prager Fenstersturz (auch an einem 23. Mai) im Jahre 1618 markiert den Beginn des Ständeaufstandes und in dessen Folge den Beginn des Dreißigjährigen Krieges, den Historiker oft als das „Ur-Trauma der Deutschen“ bezeichnen. Kaum etwas fasst das Trauma besser zusammen, als das in dieser Zeit entstandene Bild „der Galgenbaum“ von Jacques Collot. Während allen Ortens in Europa Nationalstaaten heranwuchsen, zersplitterte sich Deutschland immer weiter. So schreibt Golo Mann süffisant: selbst kurz vor Beginn des 19. (!) Jahrhunderts „gab es im Reich 1789 territoriale Herrschaften, von denen einige in Wahrheit selbstständige Staatsgebilde, europäische Mächte waren, während die Mehrzahl aus ein paar Schlössern und Dörfern bestand.“
  • Eine der prägendsten Entwicklungen im 19. Jahrhundert war das Elend der Arbeiter – und der Beginn ihrer Organisation als Arbeiterschaft. Am 23. Mai 1863 gründet Ferdinand Lassalle in Leipzig den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“, der 1890 in die SPD mündete.
  • Das besagte deutsche Trauma, einen eigenen, starken Nationalstaat haben zu wollen, mündete in die beiden Großen Kriege des 20. Jahrhunderts. Mit der Absetzung von „Reichspräsident“ Karl Dönitz am 23. Mai 1945 durch die Alliierten endet dieses Kapitel, das Deutsche Reich, offiziell.
  • Immerhin: am 23. Mai wird - seit Karl Carstens - traditionell der Bundespräsident gewählt (sofern ein Präsident nicht in der Amtsperiode sein Amt niederlegte) und es ist insbesondere der Jahrestag der Verkündung des Grundgesetzes.

Ach ja, zurück zum 23. Mai…dieses Jahres. An diesem Tag unterschritt die Rendite der zehnjährigen portugiesischen (!) Staatsanleihen erstmals 1 (!!) %, Tendenz noch weiter fallend. Wahrscheinlich wird später niemand die damit einhergehenden Implikationen der Zinspolitik der EZB an diesem Datum festmachen – doch als Symbol dafür, dass der Zins seine essenzielle Funktion als Marktmechanismus verloren hat, ist es durchaus geeignet. Man muss nicht gerade das Extrem der Euro-Krise (als besagte Staatsanleihen bei bis zu 17% rentierten) heranziehen, sondern nur den langen historischen Blick, um zu erahnen, dass sich hier – vermutlich -  Fundamentales vollzieht:

Vielleicht ist unser Blick an dieser Stelle jedoch auch zu sehr von einer „deutschen Brille“ geprägt, die Wert auf eine starke Zentralbank und „Prinzipientreue“ oder dergleichen legt. Ob das „typisch deutsch ist“?

„Wer sich in die Geschichte der deutschen Nation vertieft, der hat leicht den Eindruck eines unruhigen Lebens in Extremen ... Einmal erreichen deutsche Gestalten die höchsten geistigen Höhen, auf denen je Menschen gelebt haben, indessen gleichzeitig trübe Mittelmäßigkeit den öffentlichen Ton beherrscht. Von apolitischer Ruhe wendet Deutschland sich zur aufgeregtesten politischen Tätigkeit, von buntscheckiger Vielgestalt zu radikaler Einheitlichkeit; aus Ohnmacht erhebt es sich zu aggressiver Macht, sinkt zurück in Ruin, erarbeitet sich in unglaublicher Schnelle neuen, hektischen Wohlstand. Es ist weltoffen, kosmopolitisch, mit Bewunderung dem Fremden zugeneigt; dann verachtet und verjagt es das Fremde und sucht das Heil in übersteigerter Pflege seiner Eigenart. Die Deutschen gelten als das philosophische, spekulative Volk, dann wieder als das am stärksten praktische, materialistische, als das geduldigste, friedlichste, und wieder als das herrschsüchtigste, brutalste. Ihr eigener Philosoph, Nietzsche, hat sie das 'Täusche-Volk' genannt, weil sie die Welt immer wieder mit Dingen überraschen, die man gerade von ihnen nicht erwartet.“  

Wir sind gespannt, was man gerade von den Deutschen nicht erwartet und was diese dann doch tun werden. Vielleicht einen deutschen Chef der Europäischen Zentralbank,  der die Zinsen nachhaltig in negatives Terrain führt? Eines scheint jedoch hoffentlich keine Option. Sagen wir es wieder mit Golo Mann: „Gerade der blödeste Nationalismus, durch den man Europa zerreißen und leugnen wollte, bewies gegen Europa gar nichts; denn er war eine gesamteuropäische Krankheit.“  Es ist spannend, dass Golo Mann diese Zeilen bereits in der Erstauflage seines millionenfach verkauften Klassikers, 1952, schrieb. Aktueller denn je. 

Luxemburg, den 10.06.2019

Michael Feiten, Carsten Burkard, Florian Konz & Ludwig Schnieders

1 Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19. Und 20. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. (1992), S. 19
2 Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19. Und 20. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. (1992), S. 27
3 Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19. Und 20. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. (1992), S. 21
4 Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19. Und 20. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. (1992), S. 20

 

 

 

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