„Zunächst ein laues Bad, dann wird das Wasser immer heißer,
und am Schluss explodiert die Wanne.“ André Kostolany (1906-99)

„Wenn die Regierung das Geld verschlechtert, um alle Gläubiger zu betrügen,
so gibt man diesem Verfahren den höflichen Namen Inflation.“ G. B. Shaw (1856 - 1950)

„Wer sein Vermögen schützen will, glaubt gar nichts, sondern rechnet mit allem.“
Mayer Amschel Rothschild (1744-1812)

„Geld gleicht dem Dünger, der fast wertlos ist, 
wenn man ihn nicht ausbreitet.“ Sir Francis Bacon (1561-1626)

Wie wir denken - was wir tun: ein Rückblick auf den Monat Oktober 2017

Wie wir denken - was wir tun: ein Rückblick auf den Monat Oktober 2017

Verehrte Investoren,

 „An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser.“ Charlie Chaplin

wahrscheinlich werden Sie folgender Aussage zustimmen: „Es ist wichtig, seine Aufmerksamkeit zu lenken.“ Dazu gehört – selbstredend? – ein stark kontrollierter Medienkonsum. Nur wer dies erreicht, kann fokussiert agieren. Sind Sie fokussiert? Dazu eine kleine Übung (39 Sekunden lang): Unterbrechen Sie die Lektüre unseres Berichts und absolvieren Sie nachfolgenden, sehr kurzen Test. Sonst nichts, also kein Outlook, kein Telefon etc.. Die Test-Frage lautet: wie viele Würfe von Personen in weißer Bekleidung zählen Sie

Indessen haussierten Technologie-Aktien im Oktober weiter stark: Während der S&P500 2,12% gewann, legte der Nasdaq100 um doppelt so viel zu (4,15%). Die (über)großen Aktien schnitten sogar noch besser ab: Facebook 5,27%, Google 6,10%, Apple 8,18% und Netflix 9,39%. Damit hievten sich besagte Aktien in neue Sphären: ein KVG von nun über 200, bei einem Kurs-Buch-Verhältnis von über 26.

Es ist kein Geheimnis: „Das größte Warnsignal ist, wenn Anleger an ihren Bewertungsmaßstäben drehen.“, also bewährte Bewertungsparameter wie das Kurs-Gewinn-Verhältniss aufgeben. Dies wird sicher nicht so flächendeckend getan wie Ende der 1990er-Jahre. Doch wenn es zu den oben genannten, größten Unternehmen der Welt auch nach den jüngsten starken Kursavancen, bei über 170 Empfehlungen und insgesamt nur vier Verkaufsempfehlungen bleiben sollte, scheint es angemessen, inne zu halten und nachzudenken: Wie kommt eine derartige Konsensmeinung zustande und zu welchem Zeitpunkt geschieht dies in der Regel? In Sachen Wertentwicklung konnte Netflix sogar noch von Amazon übertrumpft werden. Der Internethändler legte – nach tatsächlich starken Zahlen – um weitere 15,55% zu.

Auch der neueste Konflikt (Katalonien) hielt die Börsen nur kurz auf. Lediglich italienische und spanische Staatsanleihen tangierte das Ereignis um Carles Puigdemont etwas deutlicher. Der „bewährte“ Lotusblüten-Effekt, nach dem alle politischen Verwerfungen „einfach“ an den Börsen abperlen (sodass politische Börsen nicht einmal mehr - wie in früheren Zeiten - wenigstens kurze Beine haben), verstärkt sich immer mehr.

Eine unserer größten Positionen im Bereich Aktien, welche seit unserem Kauf um 34,63% stieg, ist ohnehin bereits seit Längerem Japan (via ETF). Allein im Berichtsmonat legte der japanische Aktienmarkt um 8,13% zu. Dafür gibt es gute Gründe: 

  • Die Konjunktur erholt sich nach dem „verlorenen Jahrzehnt“ sehr beständig: in den letzten fünf Jahren ist das BIP um durchschnittlich 1,2% p.a. gewachsen. Insbesondere die Binnenwirtschaft erholt sich, während die Arbeitslosigkeit auf ein 22-Jahres-Tief gefallen ist.
  • Die erhoffte Inflation ist zaghaft aber durchaus stabil zurückgekehrt. Allerdings ist sie damit noch weit genug von der 2%-Zielgröße entfernt, so dass die japanische Notenbank weiterhin als gigantischer Käufer von Anleihen und Aktien auftreten kann (sie ist der größte Anleiheinvestor und inzwischen der drittgrößte Aktieninvestor des Landes).
  • Im Vergleich mit vielen anderen Aktien-Märkten erscheinen japanische Aktien günstig.
  • Die Profitabilität der Unternehmen vor Ort hat deutlich angezogen, auch durch Steuerkürzungen sowie – ein Novum für Japan – eine signifikant verbesserte Corporate Governance.

Zwei weitere, sehr zentrale Faktoren fallen positiv ins Gewicht: die sehr expansive Notenbankpolitik der Bank of Japan hilft den Unternehmen, trotz des stabilisierten YEN, ihre Gewinne weiterhin zu steigern. Zudem bestätigten die vorgezogenen Neuwahlen am 22. Oktober die Regierungsmehrheit ohne größere Veränderungen. Das lag sicher nicht am bemerkenswerten Wahlsystem (in Japan erfolgt die Stimmabgabe nicht durch Ankreuzen, sondern durch Ausschreiben des Kandidaten- sowie des Parteinamens), sondern an der Zufriedenheit der Bevölkerung mit Ministerpräsident Abe, der nun schon seit 2012 regiert (was für Japan eher unüblich ist).

Natürlich behalten wir auch die (beachtlichen) Risiken im Blick, insbesondere sind an dieser Stelle der US-Protektionismus, eine Verlangsamung der chinesischen Konjunktur, durchaus nur gemächliche strukturelle Reformen sowie die horrende weltweite Staatsverschuldung zu nennen. Vielleicht auch eine Eskalation des Nordkoreakonflikts, sofern sich die beiden Hauptakteure ernsthaft entscheiden sollten, ihre aggressive, aber bis dato rationale Politik, aufzugeben (also die Auseinandersetzung auf weiteren Feldern ausgetragen wird und mehr wird, als ein vor allem mediales Ereignis).

Apropos Medien: Haben Sie in dem Video oben den Gorilla gesehen, während Sie zählten? Der Clou: er ist fast die ganze Zeit vorhanden und winkt uns zudem sogar schelmisch zu. Sehen Sie auch den Bären, der uns gerade zuwinkt? Nicht zu Unrecht schreibt „The Economist“, dass die Welt in einem „Bullenmarkt für alles“ sei, während sogar gleichzeitig „Das Ende der globalen Wachstumsflaute“ ausgerufen wird.

Im alten Griechenland existierte eine Metapher für den alles entscheidenden Moment, den Moment, der alles verändert, von dem an alles anders wird: Kairos, benannt nach dem jüngsten Sohn des Zeus. Aus der Kognitionspsychologie wissen wir, wie sehr uns solche Momente im Gedächtnis bleiben, uns Sinn stiften und uns sogar unsere Vergangenheit umschreiben lassen, zu einer für uns konstituierenden „Geschichte“ (der so genannte „Heiligenschein-Effekt“), die es freilich nicht gab. Anders ausgedrückt: wir Menschen neigen dazu, alles Dauerhafte und Stetige zu missachten.

In der Psychologie bezeichnet man die Angst, Entscheidungen zu fällen, als Kairophobie. Die Finanzmärkte tun dies auf eine längere Dauer nicht. Tagtäglich fallen kleine Entscheidungen, und zwar durch Sie und uns: Kaufen, Verkaufen usw.. Jedoch „fallen“ selten große, alleinstehende Entscheidungen. Wenn Sie also Marktberichten entnehmen, Sie sollten die Gelegenheit zum Kauf (oder Verkauf) „beim Schopfe packen“, seien Sie vorsichtig. Zwar ist diese Redewendung tatsächlich dem Bild des Kairos entlehnt, der kahl am Nacken und mit einem Haarschopf an der Stirn dargestellt wurde, um Gelegenheiten also bei eben jenem Schopfe packen zu können.

Doch ist es meist viel wichtiger, wie man handelt, wenn sich der „einmalige Kairos“ gerade als Flop herausstellt hat. Dann sind Disziplin und systematische Vorgehensweise gefragt. Denn es ist ebenso kein Zufall, dass Kairos in seiner Hand ein scharfes Messer hält, um sich von den Entscheidungen zu lösen, die uns in der Vergangenheit halten (im Börsenjargon auch „Depotleichen“ genannt). 

Luxemburg, den 08.11.2017

Michael Feiten, Florian Konz & Ludwig Schnieders

Privatier , 10.11.2017 um 11:11
Sehr guter Kommentar! Ich habe auf ganzer Linie versagt. Nicht nur dass ich nur 13 Würfe gesehen habe, auch der Gorilla ist mir nicht aufgefallen. Den Bären indes "sehe" ich schon eine Weile. Nur scheint er sich in der Realität nicht zu zeigen. Ob ich mir einen Bären aufgebunden habe? Time will tell.

Privatier







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