„Wenn die Regierung das Geld verschlechtert, um alle Gläubiger zu betrügen,
so gibt man diesem Verfahren den höflichen Namen Inflation.“ G. B. Shaw (1856 - 1950)
Warum haben Sie Angst vor Inflation?
- Finanzen
- 31.12.2014
Warum haben Sie Angst vor Inflation?
Der EZB-Präsident Mario Draghi sprach von einer „perversen Angst“ der Deutschen. Und sogar Jens Weidmann, Chef der deutschen Notenbank, ist absolut überzeugt, dass es keinen Grund gibt, „irrationale Inflationsängste zu pflegen“. Das hat Gewicht: denn nicht ohne Grund sagte der ehemalige Präsident der EU-Kommission, Jacques Delors: „Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle an die Bundesbank.“
Und tatsächlich haben unsere Auswertungen der Inflationsraten des Statistischen Bundesamtes ergeben, dass die Inflationsrate in Deutschland seit 1948 nur in zehn von 65 Jahren über 5 % lag. Dabei sind acht der zehn Fälle um die beiden Ölkrisen 1973 und 1979 angesiedelt. Insgesamt lag die Inflationsrate in Deutschland nach unseren Berechnungen seit 1949 im Durchschnitt bei, nicht schönen, aber überschaubaren 2,46 %. Und wenn führende Experten Deutschlands aktuell sogar eine höhere Inflation empfehlen, stellt sich die Frage:
Warum haben Sie also Angst vor Inflation?
Ich denke, die möglichen Beweggründe sind vielfältiger Natur. Ich werde sie in den kommenden Wochen beleuchten und beginne mit der – vermeintlichen – Mutter aller Gründe.
Erstens: Der Blick in den Rückspiegel – die Geschichte der Deutschen. Der Grund für die Hyperinflation von 1923 lag in der massiven Ausweitung der Geldmenge durch den Staat seit Beginn des 1. Weltkrieges, um sich seiner Schulden zu entledigen. Zunächst stieg die Geldmenge stark aber überschaubar an, doch dann beschleunigte sich die Geldentwertung immer stärker:

Ein Zeitzeuge schreibt in sein Tagebuch: „14. Dezember 1922: Ich habe ein Rind für 215.000 Mark gekauft. - Das Jahr und das Geld sind am Ende.“ Doch er irrte – die Hyperinflation hatte gerade erst begonnen und geriet vollends außer Kontrolle. Um die Intensität der ausufernden Inflation aufzuzeigen, wurde die Linie in der Grafik eingezogen, sodass bei jedem neuen Datum "drei Nullen dabei kamen":

Natürlich betraf das Phänomen nicht nur den Wechselkurs, der die Kaufkraft ja eher abstrakt ausdrückt, sondern auch das unmittelbar reale Leben: Ein Kilo Kartoffeln kostete noch im Oktober 1922 ca. 11 Mark, im Spätsommer 1923 dann unvorstellbare 3 Billionen Mark. Die stündliche Geldentwertung nahm groteske Züge an und hatte erheblichen Einfluss auf das alltägliche Leben. Dass der Papierwert der ersten Mark-Scheine zum Ende hin größer als die Kaufkraft ihres Nennwertes war, führte zu pragmatischen Zweckentfremdungen wie dem, die Scheine als Tapete, Eintrittskarten, Quittungen etc. zu verwenden. Diesem Teil der Historie ist vielleicht noch etwas Lustiges zu entnehmen, doch waren die Auswirkungen auf die Bevölkerung sehr gravierend:
Die Versorgungslage der Bevölkerung hat sich laufend verschlechtert und dem Anstieg der Preise konnten die Löhne nicht Schritt halten. Der Reallohn sank auf ca. 40 Prozent seines Vorkriegsniveaus, weite Teile der deutschen Bevölkerung verarmten. Der Grundstein für die oft diskutierte Inflationsparanoia der Deutschen war gelegt.
Erfahren Sie im zweiten Teil, was die Ambivalenz der Inflation ausmacht…
veröffentlicht von Michael Feiten

